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Olympia – Emotionaler Cocktail

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Ralph Stöckli, Chef de Mission an den Olympischen Spielen. Foto: Swiss Olympic

Zum zweiten Mal nach Rio de Janeiro 2016 reist Ralph Stöckli als Chef de Mission an die Olympischen Spiele. In PyeongChang erwartet der Leiter Abteilung Olympische Missionen bei Swiss Olympic und frühere Spitzencurler «einen tollen Auftritt des Schweizer Teams und ein paar Medaillen, die entsprechend glänzen».

Der Grundsatz bei Swiss Olympic hinsichtlich der Winterspiele in PyeongChang lautet «Höchstleistungen ermöglichen, Bestleistungen erreichen». Was ist darunter zu verstehen?

Wenn wir von Höchstleistungen sprechen, geht es um Sportlerinnen und Sportler, die eine Medaille gewinnen können. Sie verfügen über eine nationale Ausstrahlung und sind die ganz grossen Aushängeschilder. Reden wir von persönlichen Bestleistungen, so handelt es sich um Athletinnen und Athleten, die nicht in den Kampf um Edelmetall eingreifen, in ihrer Sportart aber sehr wichtige Botschafter sind. Für uns sind beide Sportler-Typen bedeutend.

Nach Südkorea reisen voraussichtlich 180 bis 190 Athletinnen und Athleten, was der grössten Schweizer Delegation aller Zeiten entspricht. Ist auch in Bezug auf die Medaillenausbeute mit einem Superlativ zu rechnen?

Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich diese Frage nicht konkret beantworten. Wer sich intensiv mit dem Spitzensport befasst, weiss, dass wenige Sportlerinnen und Sportler für den Gewinn einer Medaille in Frage kommen. Befindet sich beispielsweise Dario Cologna in PyeongChang in Höchstform, kann er zwei bis drei Medaillen für die Schweiz holen. Ist das Gegenteil der Fall, geht er leer aus, was wiederum einen grossen Einfluss auf den Medaillenspiegel und das Nationenranking hat.

Eine Schätzung sollte doch aber möglich sein.

Das Ziel definieren wir kurzfristig, und zwar nach den finalen Selektionen und wenn wir die Leistungskurve der einzelnen Top-Sportlerinnen und -Sportler abschliessend beurteilen können. Sagen kann ich jetzt allerdings schon, dass ich überzeugt bin, wonach wir ein starkes Team am Start haben werden.

Eine zusätzliche Medaillenchance bietet sich dem Schweizer Team im Big Air der Snowboarder und im Teamevent der Alpinskifahrer, welche erstmals im Olympia-Programm figurieren. Sind Sie glücklich über die Aufnahme dieser beiden Wettkämpfe?

Auf jeden Fall. In diesen zwei Bereichen verfügt die Schweiz über eine Vielzahl sehr guter Athletinnen und Athleten. Ganz vorne dabei sein dürften wir aber auch im ebenfalls neu aufgenommenen Mixed-Doppel im Curling, wo wir amtierende Weltmeister sind. Diese drei Wettkämpfe versprechen zweifelsfrei jede Menge Spannung.

Der Gewinn von Edelmetall, speziell wenn es Gold ist, versetzt eine ganze Nation in Ekstase. Lassen sich vom 9. bis 25. Februar auch die in Bezug auf die Olympia-Stimmung bis anhin zurückhaltenden Südkoreaner in Begeisterungsstürme versetzen?

Wenn es ein gutes Fest gibt, können die Südkoreaner aus sich herauskommen. Von demher bin ich guter Hoffnung, dass die Stimmung in PyeongChang hervorragend sein wird. Man muss aber bedenken, dass sie nicht allein von den Gastgebern abhängt. Die Leute reisen aus der ganzen Welt an und treiben ihre Athletinnen und Athleten zu Höchst- oder zumindest Bestleistungen an.

Der Ticketverkauf soll aber schleppend laufen.

In diesem Zusammenhang werden verschiedene Zahlen herumgereicht, und es ist schwierig zu beurteilen, welches die richtigen sind. Am Schluss werden die Stadien zweifelsfrei gut besetzt sein. Bei den Indoor-Sportarten haben Olympische Spiele per se ein Problem: Diese Wettkämpfe sind zwar oftmals ausverkauft, trotzdem gibt es eine Vielzahl freie Plätze. Dies, weil grosse Partner Tickets kaufen, diese bei einer Nichtinanspruchnahme aber nicht freigeben.

Werden die Asiaten in irgendeiner Hinsicht einen neuen Massstab setzen?

Das Konzept in PyeongChang erachte ich als überaus spannend, und es passt zu unserem Verständnis betreffend Olympischer Spiele. Primär wurde die bestehende Infrastruktur ergänzt und die Südkoreaner können sie sicherlich nachhaltig nutzen. Sie verzichten beispielsweise auf die Errichtung unendlich vieler Betten in den Bergen, die ja nur drei Wochen genutzt würden. Auf Grund der grossen Wege, die sie in Kauf nehmen müssen, hat dies zwar einen Nachteil für Zuschauer und Medienschaffende, gleichwohl ist das Konzept zukunftsweisend – womit die Ostasiaten ein Ausrufezeichen setzen.

Was erwarten Sie ganz allgemein von den Winterspielen?

Einen tollen Auftritt des Schweizer Teams und ein paar Medaillen, die entsprechend glänzen. Es gibt sicherlich schöne und sichere Spiele, welche den Athletinnen und Athleten sowie den anderen Involvierten und sämtlichen Sportinteressierten in bester Erinnerung bleiben. Südkorea freut sich, die Sportwelt zum zweiten Mal nach den Sommerspielen 1988 in Seoul begrüssen zu dürfen. Einen faden Beigeschmack bildet im Moment nur die Sicherheitsthematik.

Sie sprechen die Spannungen zwischen Nordkorea und den USA an. Bereitet Ihnen die Reise nach Südkorea deswegen Sorgen?

Mir selber nicht. Gedanken mache ich mir, wie wir mit diesem Thema umgehen. Wichtig ist, dass wir sämtliche Angehörige der Schweizer Delegation, die ja total zirka 400 Personen umfasst, gut und ausreichend informieren und keine Angst schüren. Die Schwierigkeit besteht darin, dass jeder und jede anders reagiert. Die einen haben das Gefühl, dass wir die ganze Angelegenheit aufbauschen, die andern sind der Ansicht, dass wir zu wenig mitteilen.

Ist der Olympia-Verzicht bei einer allfälligen Zuspitzung der Krise ein Thema?

Oberste Priorität hat die Sicherheit der Delegation. Sofern diese nicht gewährleistet ist, würden wir diesen extremen Entscheid fällen. Darauf wären wir vorbereitet und sind in diesem Zusammenhang mittels Austausch mit dem Internationalen Olympischen Komitee und dem Eidgenössischen Departement für auswärtige Angelegenheiten recht aktiv. Eine unserer Hauptaufgaben besteht schliesslich darin, die Schweizer Delegation sicher nach Südkorea und wieder nach Hause zu bringen. Aktuell wäre dies zweifelsfrei möglich.

2006 und 2010 weilten Sie als Athlet und nun als Delegationsleiter an den Olympischen Spielen. Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Rollen?

Sicherlich der Druck. Jetzt stehe ich einfach wegen anderen Gründen unter Spannung. Ich fühle stark mit Sportlerinnen und Sportlern mit, die nicht optimal in die Saison starteten oder sich im anderen Fall bereits sämtlichem Selektionsdruck entledigten und sich nun gezielt auf den Grossanlass vorbereiten können. Dieser emotionale Cocktail macht die ganze Sache überaus spannend.

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