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Lena Häcki – Mit Leidenschaft und Spass an die Weltspitze

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Sie kam verhältnismässig spät zum Biathlon. Umso grösser ist ihre Liebe zu jener Sportart, die Ausdauer und Präzision vereint. In den zurückliegenden Monaten hat sich Lena Häcki zur Teamleaderin innerhalb der Schweizer Frauen-Equipe entwickelt und sich in der erweiterten Weltspitze etabliert.

Als Schlussläuferin war die 24-jährige Obwaldnerin massgeblich an den ersten drei Staffel-Podestklassierungen von Swiss-Ski im Frauen-Weltcup beteiligt. Kurz vor Weihnachten realisierte Häcki dann auch in einem Einzelwettkampf jenen ersten Podestplatz auf höchster Stufe, der sich längst angekündigt hatte. Im Interview kurz vor Beginn der Weltmeisterschaften in Antholz spricht sie unter anderem darüber, wie sie zum Biathlon gekommen ist, wie sie vom Trainings- und Wettkampfalltag abschalten kann und welche ihre Albträume sind.

Lena, wie häufig sind jene Momente, bei denen es sich bei dir nicht um Biathlon dreht?

Lena Häcki: (lacht) Das ist abhängig von der Jahreszeit. Während des Sommers achte ich darauf, dass ich jeweils am Nachmittag und Abend auch anderen Beschäftigungen nachgehe, um einen Ausgleich zum Biathlon zu haben. Im Winter ist der Fokus dann aber fast durchgehend auf den Biathlonsport gerichtet, weil wir so häufig unterwegs sind – ein Wettkampf folgt auf den nächsten. Da versuche ich die Konzentration hoch zu halten.

Die Frage rührt daher, weil du nach der letzten Saison in die bayerische Biathlon-Hochburg Ruhpolding gezogen bist – zu deinem Freund, dem Sohn des mehrfachen Olympiasiegers und Weltmeisters Ricco Gross.

Beim Familien-Brunch am Sonntagmorgen wird sicherlich viel über Biathlon gesprochen, andere Themen haben aber auch ihren Platz. Grundsätzlich finde ich an meinem neuen Wohnort optimale Bedingungen zum Trainieren vor. Unsere Nationaltrainerin Sandra Flunger hat zudem nicht weit entfernt von Ruhpolding ihren Wohnsitz.

Für mich ist Biathlon so faszinierend, dass ich mich auch selbst aktiv mit der Vergangenheit dieser Sportart beschäftige.

 

Ricco Gross' Karriere hast du aufgrund des Altersunterschieds nicht intensiv verfolgen können. Beschäftigst du dich aber grundsätzlich damit, was früher in der Biathlon-Szene vor sich gegangen ist und welches die grossen Namen waren?

Richtig mitbekommen habe ich die Rennen und Erfolge vom Vater meines Freundes in der Tat nicht, vor allem habe ich damals noch nicht selbst Biathlon ausgeübt. Je mehr man aber Teil der Biathlon-Szene ist, desto mehr hört man von den ehemaligen Stars unseres Sports. Riccos Name fiel in diesem Zusammenhang natürlich auch. Für mich ist Biathlon so faszinierend, dass ich mich auch selbst aktiv mit der Vergangenheit dieser Sportart beschäftige, mit den einstigen Topathletinnen und Topathleten.

Aufgewachsen bist du in Engelberg – ein Ort, der bekannt ist für seine Skifahrerinnen und Skifahrer sowie für den Skisprung-Weltcup. Wie kam es, dass du zum Biathlon gekommen bist?

Es lief eher etwas unüblich ab, zum Biathlon kam ich nämlich über das Schwimmen. Ich war zusammen mit der Tochter von Helen Fischer, der Technischen Leiterin von Nordic Engelberg, im Schwimmverein, als Nordic Engelberg nach neuen Mitgliedern Ausschau gehalten hat. Bei einem internen Testwettkampf im Ausdauerschwimmen habe ich ziemlich gut abgeschnitten, worauf mich Helen Fischer gefragt hat, ob ich nicht mal Lust hätte, Langlauf auszuprobieren. Damals war ich 14 Jahre alt, zwei Jahre später habe ich dann so richtig mit Biathlon begonnen. Schon während der Zeit als Langläuferin gab es den Kids-Biathlon-Wettkampf in Engelberg. An diesem habe ich immer teilgenommen. Ich fand das extrem cool – obschon ich bei meinem ersten Rennen neun von zehn Scheiben verfehlt habe. Als ich 16 Jahre alt war, hat mich meine Trainerin für das Sichtungskader im Biathlon angemeldet, weil sie gemerkt hat, dass ich mehr Freude am Biathlon als am Langlauf habe. Ich habe dann entsprechende Tests absolviert und wurde in die Kandidatengruppe aufgenommen. Das ging für mich alles ziemlich schnell. Daraufhin wechselte ich dann an die Sportschule Engelberg.

Welches ist jene Biathlon-Disziplin, die am besten zu dir passt?

Vor drei, vier Jahren hätte ich noch gesagt, es ist der Sprint. Zuletzt waren meine Sprint-Ergebnisse jedoch eher mittelmässig, während ich meist sehr gute Verfolgungsrennen hingelegt habe. Genial am Biathlon ist, dass man grundsätzlich in allen Disziplinen gut sein kann. Jede Disziplin hat ihre Schwierigkeiten und Tücken, aber auch ihre Einzigartigkeit. Ich finde es toll, dass wir so viele verschiedene Rennformate haben.

Was einen als Sportler ausmacht, ist die Art und Weise, wie man mit Niederlagen umgehen kann.

 

Was machst du, damit du an Rennwochenenden zwischendurch auf andere Gedanken kommst?

Ich lese viel, schaue Filme, höre Hörbücher und male dabei Mandalas. Es geht darum, für eine gewisse Zeit in eine andere Welt einzutauchen. Nach den Trainings und nach den Wettkämpfen sind wir sehr erschöpft, da braucht es etwas, bei dem man entspannen kann. Beim Mandala malen kann ich so richtig den Kopf ausschalten. Es ist eine schöne Form der Entspannung.

Kommen gewisse Rennsituationen, zum Beispiel solche im Schiessstand, nachts in deinen Träumen vor?

Jein. Meine Albträume handeln meist davon, dass ich zu spät zum Start komme. Ich bin dann in diesem Traum immer knapp dran, merke zu allem Überfluss auch noch, dass ich meine Schuhe vergessen habe und deshalb zurück in die Wachskabine muss. Ich spüre, dass es immer knapper und knapper wird. In jenem Moment, beim Zurückrennen an den Start, fällt mir dann etwas anderes ein, das ich vergessen habe, beispielsweise das Auffüllen des Magazins. Dann komme ich innerlich in den Stress, den Start zu verpassen. Von Situationen im Schiessstand träume ich selten, aber von solchen auf der Strecke, bei welchen ich nicht vom Fleck komme.

Welche Gedanken kommen in dir hoch, wenn du im Wettkampf beim Schiessen eine Scheibe verfehlt hast?

Grundsätzlich versuche ich, den Misserfolg im Schiessstand umzupolen, indem ich den inneren Energie-Channel auf der Loipe noch stärker aktiviere. Es gibt unterschiedliche Situationen auf der Schiessmatte: Entweder, du realisierst es erst gar nicht, dass du einen Fehler geschossen hast. Oder dein Kopf beginnt zu denken, sobald du den ersten Fehlschuss gemacht hast. Man wird dann nervös, beginnt zu zittern – und es geht gar nichts mehr. Und natürlich gibt es auch die Situation, in welcher man im Kopf quasi die Reset-Taste drücken und wie neu beginnen kann. Das ist die optimale Lösung, auf die wir stetig hinarbeiten.

Arbeitest du mit einem Mentaltrainer zusammen, um solche Situationen trainieren und daraus das Bestmögliche herausholen zu können?

Ich habe schon seit rund fünf Jahren Mentalcoaches an meiner Seite. Zunächst arbeitete ich mit einer Mentaltrainerin zusammen, die nicht spezifisch auf Sportthemen spezialisiert war. Seit vergangenem Frühling habe ich einen Sportpsychologen an meiner Seite. Aktuell arbeite ich mit ihm vor allem an der Vorbereitung auf die Rennen – wie ich dieses plane, was ich während des Wettkampfs mache. Ich merke, wie ich stetig Fortschritte mache in diesem Bereich. Aber gerade in Bezug auf das Mentale muss man auch immer wieder Rückschläge einstecken. Was einen als Sportler ausmacht, ist die Art und Weise, wie man mit Niederlagen umgehen kann.

Welches war für dich das Highlight in deiner bisherigen Karriere? Welchen Moment möchtest du gerne noch einmal erleben?

Das erste Highlight war, als ich 2016 an der Junioren-WM in Cheile Gradistei die zwei Silbermedaillen gewonnen habe. Es war das erste Mal, dass ich in einem bedeutenden Wettkampf vorne mit dabei war und das Gefühl kennen lernen durfte, wie es ist, aufs Podest zu steigen. Diese Medaillengewinne haben mich sehr geprägt. Ein weiteres Highlight waren die ersten Podestränge im Weltcup mit der Mixed- und der Frauenstaffel, weil sie im Team zustande gekommen sind. Vor Weihnachten konnte ich dann auch in einem Einzelrennen, beim Verfolger in Le Grand-Bornand, den ersten Weltcup-Podestplatz erringen. Diese Emotionen vergisst man nie mehr, zumal die Ausgangslage ja nicht übermässig gut war (Start als Elfte, d. Red.).

Ich habe nicht ständig an diesem Podestplatz herumstudiert und ihn herbeigesehnt.

 

Jener Podestplatz hat sich trotzdem abgezeichnet. Du warst mehrmals knapp dran. War die Erleichterung deshalb umso grösser?

Ich habe nicht ständig an diesem Podestplatz herumstudiert und ihn herbeigesehnt. Mir war klar, dass es irgendwann soweit sein würde, wenn ich den eingeschlagenen Weg weiterhin konsequent weiterverfolge.

Du bist von November bis Anfang April praktisch nonstop unterwegs – von einem Wettkampf zum nächsten. Gibt es Momente, wo dir dieses «Nomadentum» zu viel wird?

Ich versuche, immer mal wieder bei meiner Familie in Engelberg vorbeizuschauen. Auch innerhalb der Biathlon-Szene sind wir wie eine Art Familie. Während des Rennens ist die Konkurrenz natürlich gross, aber sobald der Wettkampf vorbei ist, sind die anderen Athletinnen und Athleten wieder Freunde und Kollegen. Es ist wunderbar zu sehen, wie sich die anderen mit einem mitfreuen – nationenübergreifend. Ich wurde noch nie mit Missgunst konfrontiert. All die Herumreiserei stört mich überhaupt nicht. Schon als Kind war ich extrem gerne unterwegs. Während den Sommerlagern in der Primarschulzeit hatten die meisten Mitschülerinnen und Mitschüler Heimweh, ich hingegen habe das Zuhause überhaupt nicht vermisst. Aber natürlich freue ich mich auch, wieder nach Hause zu kommen. In diesem Moment merke ich dann schon, dass mir etwas gefehlt hat. Aber solange ich unterwegs bin, gibt es so viele Dinge für mich zum Erleben und Sehen, dass ich das Daheimsein wie vergesse zu vermissen. Ich geniesse stets die schönen Momente, die ich grad erleben darf.

Wenn du gleichwohl mal an die Zukunft denkst: Wo siehst du dich in zehn Jahren?

Mein Ziel ist es, den Biathlonsport so lange wie möglich auszuüben. Er gibt mir so unglaublich viel und macht extrem Spass. Das Hobby zum Beruf machen zu können, ist einfach genial. Aber ich kann mir schon vorstellen, mich in zehn Jahren irgendwo langsam niederzulassen, sesshaft zu werden und eine Familie zu gründen.

Kannst du dir auch vorstellen, über die Aktivkarriere hinaus mit dem Biathlonsport verbunden zu bleiben?

Auf jeden Fall, beispielsweise als Klubtrainerin. Meine Freude am Biathlon würde ich gerne Kindern weitergeben. Der Sport hat mir viel gegeben. Und ich weiss, dass er anderen Leuten auch viel geben kann.