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«Es ist die perfekte Zeit, Schweizer Biathlet zu sein»

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Foto: Nordic Focus

Er steht mit seiner Ausstrahlung für den Aufschwung und die Zukunft des Schweizer Biathlons: Niklas Hartweg – reflektiert, eloquent, bodenständig und erfolgreich. Die Erwartungen an den bald 23-Jährigen sind mittel- und langfristig hoch. Davon beirren lässt sich der kosmopolitische Schneesportler, der an der WM in Oberhof Sechster im Einzel über 20 km geworden ist, freilich nicht.

Die Erwartungen ans Schweizer Biathlon-Team waren schon lange nicht mehr so gering gewesen wie vor dieser Saison, die nun mit den Weltmeisterschaften in Oberhof ihren Höhepunkt erreicht hat. Das lag zum einen an den Rücktritten der langjährigen Aushängeschilder Selina Gasparin und Benjamin Weger, vor allem aber am enttäuschenden Abschneiden der gesamten Equipe im letztjährigen Olympia-Winter.

Das erste Saison-Rennen auf Weltcup-Stufe, ausgetragen am 29. November 2022 im finnischen Kontiolahti, kam aus Schweizer Sicht deshalb einer Art Urknall gleich. An jenem Dienstagnachmittag traf Niklas Hartweg im Einzel über 20 km erstmals in seiner Karriere in einem Wettkampf alle 20 Scheiben. Wenig später stieg er als vierter Schweizer nach Matthias Simmen, Thomas Frei und Benjamin Weger im Weltcup der Männer aufs Podest. Jener 2. Platz läutete eine neue Ära im Schweizer Biathlon ein. Sowohl die Frauen als auch die Männer von Swiss-Ski realisierten in der Folge eine Top-20-Klassierung nach der anderen, dem Interesse der Schweizer Sportfans am Biathlon wurde ein Jahr vor dem ersten Heim-Weltcup auf der Lenzerheide neues Leben eingehaucht.

Auch als Einzelsportler ein Teamplayer

Dass er in der Öffentlichkeit seit dem fulminanten Auftakt in die Saison 2022/23 als neues Aushängeschild des Schweizer Biathlonsports betrachtet wird, lässt Niklas Hartweg – ganz Teamplayer – ebenso an sich abprallen wie die Tatsache, dass er von aussen als neuer Teamleader bezeichnet wird. Wichtiger als dass jemand im klassischen Sinne die Teamleader-Rolle innehabe, sei, dass alle innerhalb des Teams gut miteinander auskommen, sagt der Wollerauer. «Es soll jeder seine Meinung kundtun können – resultatunabhängig. Wenn jeder sein Bestes gibt, soll er auch gehört werden.»

Jugend-Weltmeister 2019, Gesamtsieg im IBU Junior Cup 2020, WM-Debüt bei der Elite 2021, Olympia-Teilnahme 2022, erster Weltcup-Podestplatz in der Saison 2022/23. Niklas Hartwegs Weg auf der Karriereleiter geht bislang nur in eine Richtung: nach oben. Überschwänglich oder mitunter gar etwas übermütig wird der in Karlsruhe geborene Schweizer darob jedoch keinesfalls. Hartweg strahlt mit seinen erst 22 Jahren eine erstaunliche Reife, Ruhe und Reflektiertheit aus. Er besticht durch Eloquenz – sowohl in ruhigem Rahmen in einem Vier-Augen-Gespräch als auch unmittelbar nach einem Wettkampf und dem dazugehörigen Rummel.

Der Name Hartweg ist innerhalb der Schweizer Biathlonszene seit einigen Jahren omnipräsent, was aber in erster Linie nichts mit Niklas zu tun hatte, sondern mit dessen Eltern. Ohne das finanzielle Engagement von Michael und Carola Hartweg gäbe es die Biathlon-Anlage in Lantsch/Lenz in der heutigen Form nicht – und damit auch keinen Weltcup im Dezember 2023 und keine Weltmeisterschaften im Februar 2025.

Biathlon hat mich am TV von den Emotionen her einfach mehr gepackt.

 

Druck, wegen der Begeisterung und des grossen Engagements der Eltern für diese Sportart als Biathlet reüssieren zu müssen, verspürt Niklas Hartweg keinen. «Wenn ich mich für eine andere Sportart entschieden hätte, dann hätten sie trotzdem in den Biathlonsport investiert. Meine Eltern engagieren sich nicht wegen mir für diesen Sport. Vielmehr denken sie an die Biathlon-Generation nach mir, sie wollen mit ihrer Stiftung Mission Biathlon nachhaltig tätig sein.» Eine Extrabehandlung lehnte Niklas Hartweg seit seiner Aufnahme in den Kader von Swiss-Ski stets kategorisch ab. «Ich wollte immer die gleichen Rahmenbedingungen haben wie die anderen Athletinnen und Athleten.»

Vom Triathlon zum Biathlon

Dass er dereinst als Biathlet auf höchster internationaler Stufe unterwegs sein würde, hat sich zunächst nicht abgezeichnet. Während der Kindheit standen Triathlon und Ski Alpin in seiner Gunst weiter oben. Seinen ersten Biathlon-Wettkampf hat er schliesslich mit elf Jahren bestritten – und erst mit seinem Wechsel an die Sportschule Engelberg habe er begonnen, Langlauf und Biathlon konsequent auszuüben. Bis zu seinem 16. Lebensjahr bestritt Hartweg beide Sportarten, jedoch sei für ihn schon früher klar gewesen, dass seine Zukunft im Biathlon liegt. «Dieser Sport hat mich am TV von den Emotionen her einfach mehr gepackt.»

Ich fühle mich sehr kosmopolitisch.

 

Wenn er vom Biathlon abschalten will, dann taucht er in die Welt der Musik ein, steht am DJ-Mischpult und komponiert eigene Songs – oder er steigt aufs Surfbrett oder Skateboard. Dass er sich schon in frühen Jahren polysportiv bewegt habe, davon profitiere er noch heute, ist Hartweg überzeugt. «Wenn man seinen eigenen Körper beherrscht und sich früh eine gute Feinmotorik aneignet, dann fällt es während der Aktivkarriere einfacher, technische Inputs der Trainerinnen und Trainer umzusetzen.»

Niklas Hartweg war während seiner Kindheit nicht nur polysportiv unterwegs, sondern hat seine ersten Lebensjahre auch an verschiedenen Orten verbracht. Als er vier Jahre alt war, zog seine Familie, zu der auch eine ältere und eine jüngere Schwester gehören, von Süddeutschland nach London, später wurde sie in Wollerau im Kanton Schwyz sesshaft. «Durch die Umzüge habe ich schon früh verschiedene Orte gesehen. Ich habe ein offenes Weltbild und fühle mich sehr kosmopolitisch», so Hartweg, der sowohl den deutschen als auch den Schweizer Pass besitzt und fliessend Englisch spricht – und mitunter in dieser Sprache auch denkt. Die Zeit in London hat den jungen Biathleten in vielerlei Hinsicht geprägt, wofür er sehr dankbar ist.

Während des Sommertrainings wohnt er temporär in Lenzerheide und unternimmt dort auch in der Freizeit viel mit den Teamkolleginnen und Teamkollegen. «Beim Surfen sind sie jedoch nicht dabei, diese Leidenschaft teilen sie nicht mit mir. Aber grundsätzlich würde ich auch mit den Teamkollegen in die Ferien verreisen, vom Menschlichen her passt es super», erzählt Hartweg. Er ist ein geselliger Typ, ist gerne dort zugegen, «wo etwas läuft und man nicht nur Grillen vor dem Fenster zirpen hört».

«Geniale Perspektiven fürs ganze Team»

Niklas Hartweg versprüht grosse Lebensfreude, ist voller Tatendrang und versucht, alles im Leben auf eine positive Art zu meistern. Doch der Shootingstar des Schweizer Biathlons ist sich bewusst, dass das Leben auch unliebsame Überraschungen bereithalten kann. Angesprochen auf ein mögliches Lebensmotto kommt beim Schwyzer eine nachdenkliche Seite zum Vorschein. «Ich möchte mich jetzt, zu einem Zeitpunkt, wo es mir sehr gut geht, darauf einstellen, dass ich einen allfälligen Rückschlag möglichst positiv nehmen kann.» Er habe sich in einer Position der Stärke geschworen, niemals aufzugeben, wenn es im Leben – aus welchen Gründen auch immer – einmal sehr steinig werden sollte. «Ich erhoffe mir, dadurch über die notwendige positive Energie bei einem allfälligen Schicksalsschlag zu verfügen.»

Die Chance, die sich uns in den kommenden Jahren bietet, gibt es nur einmal.

 

Hartweg ist dankbar, dass mit dem neuen Olympia-Zyklus die aufregendste Zeit im Schweizer Biathlon angebrochen ist und er diese als Weltcup-Athlet miterleben darf. Im kommenden Dezember ist die Schweiz mit Lenzerheide erstmals Austragungsort eines Biathlon-Weltcups, zu welchem insgesamt 40'000 Fans erwartet werden. Im Februar 2025 folgt dann das absolute Highlight mit den Weltmeisterschaften in der Roland Arena in Lantsch/Lenz, ehe nur ein Jahr später im Biathlon-Mekka Antholz Olympia-Medaillen vergeben werden. «Für das ganze Team, die neue Generation, sind diese Perspektiven schlichtweg genial. Es ist die perfekte Zeit, Schweizer Biathletin oder Biathlet zu sein. Wir können durchstarten – besser geht es nicht.»

In den kommenden Jahren will sich Hartweg deshalb voll und ganz auf den Sport konzentrieren. Auch seine Vorbilder – sei es Benjamin Weger, Dario Cologna, Johannes Thingnes Bö oder Martin Fourcade – hätten sich mit Anfang zwanzig auf die sportliche Karriere konzentriert. Später würde er gerne ein Studium in Angriff nehmen, aktuell kann und will er hierfür aber nicht zusätzliche Zeit und Energie aufwenden. «In vier Jahren will ich zurückblicken können mit der Gewissheit, alles für meine sportlichen Ziele gegeben zu haben. Die Chance, die sich uns in den kommenden Jahren bietet, gibt es nur einmal.» Und seit Ende November hat Niklas Hartweg die Gewissheit: «Mit einem perfekten Rennen kann ich es aufs Podest schaffen – schon jetzt.»