Was die Lauberhornstrecke auszeichnet

10. Januar 2017


Im Fokus: Weltcuprennen Wengen


Die 87. Internationalen Lauberhornrennen stehen vor der Tür. Bis zu 42 Prozent Neigung, über 1000 Meter Höhenunterschied in zweieinhalb Minuten, längste Skiabfahrt der Welt und das Rennen mit der schnellsten Passage im Weltcup (über 160 km/h!): Die Lauberhornabfahrt ist gespickt mit Superlativen. Hier die Schlüsselstellen im Überblick:

 

 

 

Russisprung 

Dieser Sprung war weder ein Projekt noch eine Idee. Für eine Fernsehsendung im Frühling suchte Bernhard Russi einen idealen Sprung für technische Aufnahmen. Den Ansatz dazu fand er auf der Lauberhornschulter und liess den Sprung mit viel Schnee aufbauen. Vor dem nächsten Rennen entschied Fredy Fuchs, diesen unter dem Arbeitstitel „Russisprung“ in die Strecke zu integrieren.

 

Hundschopf

Das eigentliche Markenzeichen der Lauberhornabfahrt. Die enge, felsige Passage erscheint als unpassierbar, nicht fahrbare Einzelstelle. Zu eng, zu steil und der Sturzraum zu kurz und zu hart. Am Hundschopf trennen sich Mut und Respekt, Risikobereitschaft und Taktik, Sprungtechnik und Linienwahl. Auf engstem Raum kommt alles zum Tragen, was von einem Abfahrer verlangt wird. Die Kurven davor sind enger als üblich, zwischen den Felsen links und dem Fangnetz rechts sind höchstens 5 Meter, die Sprungkante ist nur zu erahnen, die Linienwahl ist geprägt durch den Abschluss des Netzes und die Vorstellungskraft des Fahrers. Und danach das Bodenlose!

 

Minschkante

Eine geniale Kombination aus Sprung, Kurve, Linienwahl und höchsten technischen Anforderungen an den Fahrer. Je nach Geschwindigkeit kann diese Rechtsbiegung mit einem weiten oder engeren Radius gefahren werden. Das richtige Mass entscheidet über genügend Landeraum vor der Kompression. Joos Minsch ist bei weitem nicht der Einzige, der hier von der Piste abgeworfen wurde, aber eines der ersten prominenten Opfer. Im ersten Training zur Lauberhornabfahrt 1965 wollte der Bündner gleich zeigen, wie stark er ist. Die schlechten Bedingungen liessen aber nur einen Start ab dem Hundschopf zu. Trotzdem oder gerade deshalb riskierte Joos Minsch auf die Kante hin zu viel, sprang zu weit und brach bei der Landung ein. Der Sturz war nicht mehr aufzuhalten und endete erst unten beim Bahngeleise. Das Resultat: Beckenbruch, neun Wochen Spitalaufenthalt, Saisonschluss und Namensgebung einer anspruchsvollen Schlüsselstelle.

 

Alpweg mit Kernen-S

Mit über 100 Stundenkilometern geht’s auf dem nur 3 Meter breiten und durch das Netz auf der Talseite wie ein Kanal wirkenden Alpweg in die verrückteste Schikane des Weltcup-Zirkus. Eine enge Rechts-links-Kombination über das Brüggli bremst den Fahrer auf einen kritischen Tempobereich (70 bis 80 Stundenkilometer) hinunter, mit dem er die nachfolgenden 20 Sekunden leben muss. Bruno Kernen, der Sieger von 2003, knallte 1997 rückwärts und furchterregend ins Netz und wurde brutal auf die Piste zurückgeworfen. Das kurze, vorsichtige Andriften zu Beginn der Rechtskurve gilt also nicht nur dem optimalen Tempoerhalt, sondern auch dem Kampf gegen die Sturzgefahr.

 

Hanneggschuss

Er ist steil, lang und dunkel und verlangt von jedem Fahrer eine Portion Überwindung. Wenn in der Hälfte des Schusses die Skier zu schwimmen beginnen, nur noch alle 10 Meter den Kontakt zum Schnee finden und unten in der dunklen Kompression die Piste wider Erwarten nicht breiter wird, dann kommt das Abfahrerherz zum Tragen. Dann werden die wahren Spezialisten kleiner, aerodynamischer und schrauben die Spitzengeschwindigkeit auf über 140 Stundenkilometer hinauf. Die Gefahr muss und kann man verdrängen.

 

Ziel-S

Dort, wo alle grossen Rennen bereits zu Ende sind, folgt am Lauberhorn eine einzigartige, technisch äusserst anspruchsvolle Schlüsselpassage, die alle Resultate nochmals auf den Kopf stellen kann. Der Fahrer ist müde, hat Zeit sich kurz vorzubereiten und nochmals Zwischenbilanz zu ziehen. Er realisiert die Zuschauer und hört vielleicht sogar den Speaker. Er weiss, dass er hier alles verlieren oder auch die entscheidenden Sekundenbruchteile zum Sieg herausfahren kann. Für die meisten aber geht es hier, nach über 2 Minuten Fahrzeit, nur noch ums Durchkommen. Manch einer ändert hier nochmals ganz kurzfristig die Taktik und wird seiner einstudierten Linie untreu – weil er auf einmal mehr Müdigkeit verspürt oder weil er die Geduld und die Nerven nicht mehr hat. Die drei engen Kurven sind meistens vereist und unruhig und werden durch verschiedene Geländekonturen erschwert. 

 

 

Weitere Schlüsselstellen unter www.lauberhorn.churl


Autor: Verein Internationale Lauberhornrennen / rli

Fotos: Keystone